BARF für Katzen: Chancen, Risiken und Regeln

Inhalt9 Abschnitte
BARF kann eine Katze vollwertig ernähren, aber nur, wenn die Ration berechnet ist und die Hygiene stimmt. Wer rohes Fleisch nach Gefühl oder nach einem Rezept aus dem Internet zusammenstellt, riskiert Nährstofflücken, die sich erst nach Monaten zeigen – und bringt Keime in den Haushalt. Belastbare Belege, dass rohes Futter Katzen gesünder macht als ein gutes Fertigfutter, gibt es bislang nicht.
Was BARF bedeutet
BARF steht ursprünglich für „Bones and Raw Food“, auf Deutsch meist „Biologisch artgerechtes rohes Futter“. Die Katze bekommt rohes Muskelfleisch, Innereien wie Herz und Leber, eine Calciumquelle (fein gewolfte Knochen oder ein Calciumpräparat) und Zusätze, etwa Öl, Jod und Vitamine. Gemüse spielt bei Katzen, anders als beim Hund, kaum eine Rolle.
Die Idee dahinter: Eine Katze ist ein obligater Fleischfresser, und in der Natur frisst sie ganze Beutetiere. Das stimmt. Eine Maus ist allerdings ein vollständiges Paket aus Muskeln, Knochen, Organen, Fell und Darminhalt. Ein Stück Hähnchenbrust aus dem Kühlregal ist das nicht. Was eine Katze insgesamt braucht, erklärt der Beitrag Nährstoffbedarf der Katze.
Was für BARF spricht – und was dagegen
Dafür
| Dagegen
|
Oft genannte Vorteile wie glänzenderes Fell, weniger Kot oder bessere Zähne beruhen vor allem auf Beobachtungen von Haltern. Weniger Kot ist real, weil rohes Fleisch gut verdaulich ist; glänzendes Fell liefert auch ein fettreiches Fertigfutter, und gegen Zahnstein helfen weiche Fleischstücke nicht.
Risiko 1: Nährstofflücken
Muskelfleisch allein ist für eine Katze kein vollständiges Futter. Eine Auswertung von 95 BARF-Rationen an der Tiermedizinischen Fakultät der LMU München (Dillitzer, Becker und Kienzle, 2011) fand bei 60 Prozent mindestens einen deutlichen Fehler – zu wenig Calcium, Jod, Zink, Kupfer, Vitamin A oder Vitamin D. Die Studie betraf Hunde; bei Katzen ist der Spielraum für Fehler eher kleiner.
Die wichtigsten Stellschrauben:
- Calcium und Phosphor. Fleisch enthält viel Phosphor und kaum Calcium. Die FEDIAF-Leitlinien sehen für erwachsene Katzen ein Verhältnis von Calcium zu Phosphor zwischen 1:1 und 2:1 vor, für wachsende Katzen zwischen 1:1 und 1,5:1. Reines Fleisch liegt weit darunter. Die Folge eines anhaltenden Calciummangels ist eine Knochenerkrankung, bei der der Körper Calcium aus dem Skelett holt – mit Lahmheiten und Knochenbrüchen, besonders bei Kitten.
- Taurin. Taurin ist für Katzen lebensnotwendig; Mangel führt zu Herzmuskelschwäche und Netzhautschäden bis zur Blindheit. Rohes Fleisch enthält Taurin, doch beim Wolfen, Lagern und Auftauen geht ein Teil verloren. Es sind Fälle von Taurinmangel bei Katzen beschrieben, die mit gewolftem rohem Kaninchenfleisch gefüttert wurden. Herz ist ein guter Taurinlieferant, ein Zusatz bietet Sicherheit.
- Vitamin A. Katzen müssen fertiges Vitamin A aufnehmen, vor allem über Leber. Zu wenig Leber führt zu Mangel, zu viel zu einer Vitamin-A-Vergiftung mit Knochenwucherungen an der Halswirbelsäule, die die Katze steif und lahm macht. Die Menge muss also stimmen.
- Jod, Vitamin D, Vitamin E, Zink, Kupfer. Diese Stoffe fehlen in Fleisch und Innereien oft oder schwanken stark und kommen deshalb als abgewogene Zusätze in die Ration.
Risiko 2: Keime im Futter und im Haushalt
Rohes Fleisch ist nie keimfrei. Die Veterinärmedizinische Universität Wien fand in einer Untersuchung von 96 Rohfutterproben für Hunde aus dem Wiener Handel in sieben Proben Salmonellen und in zehn Listerien. Für Katzenfutter gilt dasselbe Grundproblem. Katzen erkranken seltener als Menschen, scheiden die Keime aber teils über Wochen unbemerkt mit dem Kot aus. So gelangen sie auf Fell, Schlafplätze, Sofa und Hände.
Die Bundestierärztekammer rät deshalb dringend vom BARFen ab, wenn Kleinkinder, Schwangere, alte oder immungeschwächte Menschen im Haushalt leben. Rohes Geflügel kann zudem das Vogelgrippevirus H5N1 übertragen; in den USA sind Katzen nach dem Verzehr von rohem Fertigfutter daran gestorben.
Risiko 3: Parasiten und das Aujeszky-Virus
- Aujeszky-Virus. Rohes Schweinefleisch und Wildschwein sind für Katzen absolut tabu. Das Virus der Aujeszkyschen Krankheit führt bei Katzen und Hunden immer zum Tod. Hausschweine in Deutschland gelten seit 2003 als frei davon, in Wildschweinbeständen ist es nach Untersuchungen des Friedrich-Loeffler-Instituts in großen Teilen Deutschlands verbreitet. Gründlich durchgegart ist Schweinefleisch unbedenklich. Mehr unter Dürfen Katzen Schweinefleisch essen?.
- Toxoplasmen. Rohes Fleisch ist eine Hauptquelle für Toxoplasmose. Tiefgefrieren bei etwa −18 bis −20 °C über rund eine Woche tötet die meisten Zysten ab, aber nicht sicher alle; zuverlässig ist nur Erhitzen. Was das für Menschen bedeutet, steht unter Toxoplasmose bei Katzen.
- Bandwürmer und andere Parasiten aus Innereien oder Wildfleisch. Gefrieren reduziert das Risiko, schließt es nicht aus.
Wenn Sie BARFen wollen: die Regeln
- Ration berechnen lassen. Von einer Fachtierärztin oder einem Fachtierarzt für Tierernährung oder einer Ernährungsberatung an einer tiermedizinischen Fakultät. Die Berechnung berücksichtigt Gewicht, Alter, Aktivität und Gesundheit Ihrer Katze.
- Zusätze exakt abwiegen. Calcium, Jod, Vitamine und gegebenenfalls Taurin nach Plan, mit einer Feinwaage. Nicht „ein bisschen mehr zur Sicherheit“.
- Kein Schwein, kein Wildschwein roh. Ohne Ausnahme.
- Hygiene wie beim Hackfleisch. Eigene Bretter und Messer, glatte Flächen, Spülmaschine mit mindestens 60 °C. Im Kühlschrank auftauen, nach dem Auftauen innerhalb eines Tages verfüttern, Reste nach der Mahlzeit entsorgen, danach Hände waschen.
- Knochen nur roh und gewolft oder als Calciumpräparat. Gegarte Knochen splittern. Große Knochenmengen führen zu hartem, weißem Kot und Verstopfung.
- Regelmäßig kontrollieren. Gewicht, Kot, Fell und einmal im Jahr eine Blutuntersuchung – und bei Veränderungen den Plan anpassen lassen.
Fertig-BARF aus dem Handel ist bequemer. Achten Sie darauf, ob es als Alleinfuttermittel oder nur als Ergänzungsfuttermittel gekennzeichnet ist; reines Fleisch ist immer Ergänzung. Die Keimfrage bleibt auch hier.
Für wen BARF nicht geeignet ist
Kitten brauchen ein besonders genaues Calcium-Phosphor-Verhältnis; Fehler schaden den wachsenden Knochen schnell. BARF ist für sie nur mit professionell berechneter Ration vertretbar, sonst ist ein gutes Kittenfutter die bessere Wahl. Auch für trächtige Katzen, für Katzen mit chronischer Nierenerkrankung und für immungeschwächte Katzen, etwa unter Chemotherapie oder Cortison, rät die Tiermedizin davon ab oder nur in enger Absprache. Wer die Kontrolle über die Zutaten möchte, das Keimrisiko aber nicht, findet unter Katzenfutter selber kochen eine Alternative.
Wann Ihre Katze zum Tierarzt muss
Lassen Sie Ihre Katze untersuchen, wenn sie nach einer Futterumstellung Durchfall mit Blut, Fieber oder Erbrechen hat, wenn sie lahmt, steif geht oder den Kopf schlecht bewegen kann, wenn sie schlechter sieht oder schneller erschöpft ist. Starker Juckreiz, Speicheln, Unruhe und Lähmungen nach dem Verzehr von rohem Schweinefleisch oder Wild sind ein Notfall. Frisst die Katze nach der Umstellung länger als 24 Stunden nichts, gehört sie ebenfalls in die Praxis – Katzen dürfen nie „ausgehungert“ werden, bis sie das neue Futter annehmen.
Die Empfehlung lautet: BARF ist möglich, aber kein Selbstläufer. Wer es macht, braucht einen berechneten Plan, die nötigen Zusätze und strenge Hygiene. Wer diesen Aufwand nicht leisten kann oder mit empfindlichen Menschen zusammenlebt, fährt mit einem vollwertigen Fertigfutter besser.
Häufige Fragen
Ist BARF gesünder als Fertigfutter?
Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Ein korrekt berechnetes BARF und ein gutes Alleinfuttermittel können eine Katze gleichermaßen vollwertig ernähren. Ein schlecht zusammengestelltes BARF ist dagegen deutlich riskanter als jedes vollwertige Fertigfutter.
Tötet Einfrieren alle Keime im rohen Fleisch ab?
Nein. Einfrieren tötet einen Teil der Parasiten, aber Bakterien wie Salmonellen und Listerien überstehen es und vermehren sich beim Auftauen weiter. Das Aujeszky-Virus wird durch Einfrieren nicht zuverlässig unschädlich gemacht.
Kann ich BARF und Fertigfutter mischen?
Ja, auch gemischte Fütterung ist verbreitet. Dann sollte das Fertigfutter ein Alleinfuttermittel sein, und der rohe Anteil braucht trotzdem eine Calciumquelle, sonst verschiebt er das Verhältnis im Gesamtfutter. Rohes Fleisch nebenbei als Ergänzung erklärt der Beitrag Dürfen Katzen rohes Fleisch essen?.
Brauchen BARF-Katzen zusätzliches Taurin?
Häufig ja, vor allem wenn das Fleisch gewolft, lange gelagert oder aufgetaut wird. Ob und wie viel, legt die Rationsberechnung fest.



